Kameralamtei

Ehemalige Kameralamtei, heute Apotheke
Bild: Peter Fendrich

Ludwig Heyd

Ludwig Heyd, seit 1824 Stadtpfarrer, erforschte die Geschichte der Stadt und der Grafen von Grüningen
Quelle: AGD

Im „Schlössle” bzw. „Dichterhäusle” (heute Bahnhofstr. 8) sollen sich im Vormärz Intellektuelle um Magenau getroffen haben
Quelle: Nachlass Ruf

Rathaus MG um 1900

Ältestes Foto vom Rathaus
Quelle: Stadt Markgröningen

TVM-Damenriege

Die Damenriege des Turnvereins um 1900
Quelle: Fundus TVM

Wasserhäusle

Wasserhäusle, 1900 erbaut
Bild: Peter Fendrich

Schultheiß Schmalzried

Schultheiß Karl August Schmalzried mit Gattin um 1900
Quelle: Hilde Fendrich

Erste Telefonanschlüsse

Erste 12 Telefonteilnehmer in Markgröningen aus einem Notizbuch von August Kögel
Quelle: Hilde Fendrich

Nach einem Brand im Jahr 1911 errichtete Papiermüller Friederich ein neues Fabrikgebäude mit einer Francis-Turbine 
Quelle: Nachlass Friederich

Geschichte von 1806 bis 1918. Stadtgeschichte von Markgröningen

Geschichte von 1806 bis 1918

 

 

Stadtgeschichte von 1806 bis 1918

Stagnation der ehemaligen Amtsstadt im Königreich Württemberg
Der Ausbau Ludwigsburgs führte dazu, dass in Gröningen kein nennenswerter Bevölkerungszuwachs mehr zu verzeichnen war und die einst so rege Bautätigkeit fast ganz zum Erliegen kam. Nachdem die Stadt 1807 die Funktion des zuvor bereits zurechtgestutzten Oberamts endgültig verloren hatte, sah man sich ob der Schuldenlast und der Verarmung der Bevölkerung im „Jahr ohne Sommer” dem Untergang nahe: 150 Familien mussten 1816 bereits durch das Spital unterstützt werden. Deshalb setzte man alle Hoffnung in den Nachfolger König Friedrichs: Der „alleruntertänigst treugehorsamste Magistrat der Stadt Gröningen“ setzte am 20. November 1816 eine Petition an den neuen König Wilhelm I. auf, in der er die Not der Stadt eindrücklich darlegte und die Einrichtung eines neu zugeschnittenen Oberamts um die „2700 Seelen“ zählende, dem „Regentenhaus seit dem grauesten Altertum verbundene Stadt Gröningen“ geradezu erflehte. In dem konstruktiven Vorschlag waren nur die Gemeinden in unmittelbarer Umgebung inbegriffen: Asperg, Tamm, Bissingen, Unterriexingen, Hochdorf, Hemmingen, Schwieberdingen und Möglingen. Der „allerdurchlauchtigste“ Regent ging jedoch nicht darauf ein.

Im Zuge der Verfassungs- und Verwaltungsreform wurde 1819 zudem das 1807 in Gröningen eingerichtete und 1813 um die Kellerei auf dem Hohenasperg erweiterte Kameralamt im Anwesen der heutigen Bartholomäus-Apotheke dichtgemacht. Hochdorf, Oberriexingen, Unterriexingen und Pulverdingen wurden dem Kameralamt Vaihingen, Hemmingen dem Kameralamt Leonberg zugeteilt. Das nun auch offiziell mit dem Präfix „Mark” versehene Markgröningen kam mit Bissingen, Tamm, Asperg und Schwieberdingen zum Kameralamt Ludwigsburg.

Gekrönt wurde der gravierende Bedeutungsverlust der Stadt durch die 1826 von Johann Memminger vorgenommene Revidierung der Stadt- und Landesgeschichte: Er stellte die namensgebende Existenz der mit Reichssturmfahne, Burg und Stadt verknüpften Grafschaft Grüningen in Abrede, indem er den Namen der Württemberger Grafenlinie „von Grüningen“ von einer Burg in Grüningen bei Kloster Heiligkreuztal herleitete und damit die Namensgleichheit der Grafen und ihrer Hauptresidenz als Zufall wertete. Dass der Stadtpfarrer und Historiker Ludwig Heyd 1829 diese „Riedlinger These” anhand der Überlieferung und der Quellenlage widerlegte, verschaffte ihm in der Stadt zwar große Anerkennung, war jedoch politisch nicht opportun und verbaute ihm die angestrebte Rückkehr in den Wissenschaftsbetrieb, der die These Memmingers bis heute ungeprüft tradiert.

Geradezu verzweifelt anmutende Versuche, ihrem Dornröschenschlaf zu entkommen, kosteten die Stadt im 19. Jahrhundert beträchtliche Teile ihrer mittelalterlichen Stadtbefestigung und ihrer außergewöhnlichen historischen Bausubstanz, die bedingt durch die Stagnation noch ihr spätmittelalterliches Erscheinungsbild bewahrt hatten. Blicke auf die 1797 gemalte Stadtsilhouette und die Tor-Skizzen von Carl Urban Keller lassen erahnen, dass die Stadt sich damit selbst um ein großes touristisches Potenzial gebracht hat.

Stadtsilhouette 1797

Stadtsilhouette von 1797: mit Spitalkirche, allen Toren und geschlossenem Mauerring (zum Vollbild)
Quelle: Stadtarchiv Markgröningen

Während des großen Vieh- und Krämermarkts zu Lichtmess brannten am 2. Februar 1844 zudem zwei Wohnhäuser und sieben Scheunen zwischen der Ostergasse, dem Turmgässle und der Stadtmauer ab. Stadt- und Zwingermauer wurden hier dann abgerissen, um Neubauten Platz zu machen. Nach diesem Großbrand erwog die Stadt die Einrichtung einer Feuerwehr. 1861 konstituierte sich schließlich eine Freiwillige Feuerwehr mit anfangs 19 Mitgliedern.

Im Verkehrsschatten
Infolge der Herabstufung zur Amtsgemeinde geriet Markgröningen auch mehr und mehr in den Verkehrsschatten Ludwigsburgs. Im Wettbewerb mit Bietigheim um die Trassierung der „Westbahn“ genannten Bahnlinie von Ludwigsburg nach Mühlacker zog man um 1850 trotz günstigerer geographischer Voraussetzungen den Kürzeren. Die Trassierung durch das Leudelsbachtal wäre nicht nur kürzer gewesen, sondern hätte auch einen bahngerechten sanften Abstieg ins Enztal ermöglicht und keinen teuren Viadukt wie in Bietigheim erfordert. Kein Wunder, dass die übergangenen Markgröninger Korruption im Spiel sahen.

1853 erhielt die Stadt wenigstens eine Posthalterei und war diesbezüglich nicht mehr von ihrem ehemaligen Amtsflecken Schwieberdingen abhängig, der an der Fernstraße eine von Thurn und Taxis betriebene Poststation der Reichspost hatte. Zwei Postkutschenlinien verbanden die Posthalterei, die anfangs und wieder ab 1871 im Gasthof Rose (ab 1892 „Gasthof zur Post”) untergebracht war, mit dem Bahnhof Asperg und mit Leonberg. 1854 wurde außerdem im ehemaligen Oberamteigebäude eine mit dem Asperger Bahnhof verbundene Telegraphenstation eingerichtet.1899 erhielt die Ziegelei Layher den ersten privaten Telegraphenanschluss.

Ohne Bahnanschluss konnte man nur wenig Industrie und Gewerbe anlocken, sah auch Bietigheim an sich vorbeiziehen und verharrte bis zum Ersten Weltkrieg in Stagnation. Mehrere Initiativen zur Einrichtung eines Eisenbahnanschlusses verpufften. Während des Krieges wurde Markgröningen 1916 doch noch ans Bahnnetz angeschlossen. Allerdings nur über einen mitzufinanzierenden Nebenbahnanschluss von Ludwigsburg über Möglingen nach Markgröningen, dessen vorgesehene Durchbindung nach Enzweihingen trotz teilweise erfolgten Grunderwerbs nie realisiert werden sollte.

Lehrerinnen-Seminar, Landarmenanstalt und erste „Industrien”
1873 wurde im bisher für den Strafvollzug genutzten Schloss ein staatliches Lehrerinnen-Seminar mit Waisenhaus eingerichtet. Die Waisen sollten als Probanden für die Ausbildung der Lehrerinnen dienen. Damals verzeichnete die Stadt einen vorläufigen Höchststand von rund 3400 Einwohnern. Bis 1900 sank die Einwohnerzahl allerdings wieder um etwa 300 Köpfe, obwohl das Land 1897 auf der Hurst eine im Volksmund „Asyl“ genannte Armenanstalt für den Neckarkreis eingerichtet hatte. Zahlreiche Markgröninger waren mangels Perspektive nach Amerika oder Osteuropa ausgewandert. Einen Aufschwung verhieß die erste größere Industrieansiedlung: Um 1900 ging an der Tammer Straße die „Seidenstoffweberei Kollmer–Müller“ in Betrieb, die zum Start mindestens 70 Frauen-Arbeitsplätze zugesagt hatte. Vermutlich mitbeeinflusst vom Lehrerinnen-Seminar hatte der 1896 gegründete Turnverein um 1900 die einzige Damen-Riege weit und breit. 1900 wurde auf der Bracke ein Hochbehälter mit Wasserhäusle erstellt, der es ermöglichte, alle Haushalte mit fließendem Wasser zu versorgen.

1902 erhielt die Posthalterei den ersten Telefonanschluss in der Stadt und richtete in der Speisekammer des Gasthofs zur Post eine Fernsprechzelle ein. Bis 1910 wurden in Markgröningen zwölf weitere Telefonanschlüsse installiert. Den ersten bekam die Handelsgärtnerei Mauk, den zweiten die Ziegelei Layher. Stadt und Spital erhielten die Nr. 9 (siehe Bild links, zum Vergrößern anklicken). Etwas später, als Nr. 14, wurde der Domänenpächter Marstaller auf dem Aichholzhof angeschlossen.

In der 1908 verfassten Petition zur Einrichtung des Bahnanschlusses verzeichnete die Stadt rund 140 landwirtschaftliche Betriebe, darunter die Domäne Aichholzhof mit rund 100 Hektar, die in einer 2094 Hektar großen Markung hervorzuhebende „118 ha Wein- und 72 ha Obstgelände” bewirtschaften. „An Industrien sind vorzuweisen: 1 Seidenfabrik mit 120 Mitarbeitern, 1 Dampfziegelei mit 30 Mitarbeitern, 1 Pappenfabrik, 4 Getreidemühlen, 1 Dampf-Dresch- und Sägemühle, 1 größere Handelsgärtnerei. Selbständige Handwerker sind rund 160 vorhanden, welche teils 2-4 Gesellen beschäftigen.”

Ab 1909 sammelte der Turnverein Geld und wiederverwertbares Material für eine eigene Turnhalle, die er 1912 auf dem Benzberg errichtete und durch einen Verbindungsbau mit dem Schießhaus verband.

Während des Esten Weltkriegs
1914 zählte man 3223 Einwohner. Exakt hundert davon sollten im Ersten Weltkrieg ums Leben kommen. Am 9. August 1914 zog man in Markgröningen Truppen und Pferde vor dem Aufbruch an die Westfront zusammen. Die nach 1914 verpflichteten Rekruten zogen laut Berta Mauch nicht mehr euphorisch singend, sondern schweigend  aus der Stadt. Bauern, denen die fehlende Arbeitskraft ihrer eingezogenen Söhne zu schaffen machte, konnten russische oder französische Kriegsgefangene mieten. Der ab 1906 erfolgte Anschluss der Stadt ans Stromnetz des Elektrizitätswerks Glemsmühle wurde wegen des stark angestiegenen Preises für Petroleum als große Erleichterung empfunden, auch wenn jeder Hausanschluss privat finanziert werden musste. Dennoch wurden einige Haushalte erst nach dem Krieg angeschlossen. 1916 wurden auch in Markgröningen Lebensmittelkarten eingeführt und wegen der galoppierenden Teuerung für einzelne Grundnahrungsmittel Höchstpreise festgesetzt. Brezeln und Kuchen zu backen war verboten. Bei Westwind war der Kanonendonner von der Schlacht um Verdun zu hören.

Am Wochenende nach der Aufnahme des regulären Bahnbetriebs am 4. Dezember 1916 wurde der Postkutschenverkehr zum Asperger Bahnhof eingestellt und kurz darauf die Posthalterei auf eine Poststelle reduziert. Am 11. April 1917 brannten in der Finsteren Gasse die Gebäude rechts vom „Bären” und zwei Scheunen dahinter ab. Das Gasthaus wurde daraufhin vergrößert und das Klostergässle um eine Hausbreite nach Westen verlegt.

Am 20. Juni 1917 wurden vier Glocken der Stadt zu Kriegszwecken eingezogen: „vom oberen Thurm, die Rathausglocke, die Spitalglocke und eine von unseren Kirchenglocken”.

Nach der hierzulande unblutig verlaufenen Novemberrevolution wurde aus dem Königreich Württemberg ein demokratischer „Volksstaat”, dessen 1919 verabschiedete Verfassung diejenige des Königreichs von 1819 ersetzte.

Diese Seite ist noch im Entstehungsprozess. Wir freuen uns, wenn Sie dazu etwas beitragen möchten.
Kontakt: redaktion@agd-markgroeningen.de

„Markt-Gröningen” 1819 von Südwesten
Bild: Christian von Martens, Wikimedia

Westflügel des Schlosses

Im ehemaligen Residenzschloss wurde 1812 ein Arbeitshaus für den Strafvollzug und 1873 ein Lehrerinnen-Seminar mit Waisenhaus eingerichtet
Bildautor unbekannt, Fundus H. Fendrich

Landarmenanstalt

1897 wurde auf der Hurst die Landarmenanstalt für den Neckarkreis eingerichtet
Bild: Peter Fendrich

Feuerwehr vor der Post

Feuerwehrübung 1898 am Gasthof zur Post (früher Rose), in der die Posthalterei untergebracht war
Bildautor unbekannt, Quelle: Fundus H. Fendrich

Die neue Seidenstoffweberei Kollmer und Müller um 1900, später Menzi, heute Mahle
Maler unbekannt, Fundus David Zechmeister

E-Werk Glemsmühle

Das Elektrizitätswerk Glemsmühle installierte 1906 die ersten Stromanschlüsse
Quelle: Eugen Wurst

Festwagen der Bauern vor Gasthof Badgarten

Festwagen der Bauern vor dem Gasthof zum Badgarten (Schäferlauf vor dem 1. Weltkrieg)
Bildautor unbekannt, Quelle: D. Zechmeister

TVM-Halle von 1912

1912 erstellte Turnhalle des TVM am Benzberg
Quelle: 100 Jahre TVM

Postkutsche 1916

Am 10.12.1916 fuhr die letzte Postkutsche nach Asperg, mit Fahnen und Reisig geschmückt
Bild: AGD, Nachlass Bräckle

Postkarte Bahnhof MG

1916 bekam die Stadt einen Stichbahnanschluss
Bild: Nachlass J. Ruoff, Fundus Zechmeister

Blick in Finstere Gasse mit Strommasten und den 1917 abgebrannten Gebäuden rechts vom Bären
Bild: A. von der Trappen (vor 1917)

Musterung 1917

Bei der Musterung für tauglich befundene Rekruten bekamen eine Schärpe umgehängt (Jahrgang 1897)
Quelle: Fundus Hilde Fendrich

Geschichte von 1806 bis 1918