Burg und Schloss
Oberes Tor
Wimpelinhof
Kästen und Keltern
Rathaus
Herrenküferei
Kameralamtei
Bartholomäuskirche
Pfarrhaus
Heilig-Geist-Spital
Heilig-Geist-Kirche

 

Oberer Torturm und Schloss mit Palas und Nordtor auf der Forstkarte von 1682 (vergrößern)
Bild: Andreas Kieser

Mauerecke Tiefbau 1990

Relikt einer Gebäudeecke der Burg im Untergrund, 1990 östlich vom Süddflügel entdeckt
Bild: Hilde Fendrich

Attempto

Attempto! Der Wahlspruch Graf Eberhards V. fand sich auch in der Grüninger Burg
Bild: Rainer Halama

Wappen von Graf Eberhard im Bart und Tafel zur Reichsburg am ehemaligen Südflügel-Eingang der Oberamtei
Bild: Peter Fendrich

Kielbogenfenster OT

Kielbogenfenster an der Südseite des Oberen Tors – vermutlich von der teils abgerissenen Burg
Bild: Peter Fendrich

Seminar-Ensemble 1869

Schloss-Ensemble als Composit der Pläne von Weiß (Vergrößern)
Bild: Peter Fendrich, Vorlagen: Weiß, Staatsarchiv LB

Schloss Markgröningen

Reichsburg und Residenzschloss

Im Hochmittelalter diente die Reichsburg in Grüningen einigen Königen als Pfalz, vielmehr aber als Residenz von Grafen mit dem Reichssturmfahnlehen oder den Landvögten von Niederschwaben. Wann der Vorgängerbau des heutigen Helene-Lange-Gymnasiums erbaut wurde, ist allerdings unklar. Ohne archäologische Untersuchung bleibt offen, ob an diesem Standort bereits zur Zeit des 1121 verstorbenen Grafen Werner IV. von Grüningen eine Burg bestand und ob der 1139 von König Konrad III. in Grüningen abgehaltene Hoftag hier oder möglicherweise auf dem Areal des im 13. Jahrhundert gegründeten Heilig-Geist-Spitals stattfand. Dessen massive Westwand und ein nachgewiesener Burggraben unter der Betzgasse deuten jedenfalls auf eine Burg hin, die im Zuge der vermutlich im 13. Jahrhundert erfolgten Stadterweiterung an die Nordwestecke der Stadt verlegt worden sein könnte. Möglicherweise war Graf Konrad III. von Württemberg, der sich 1227 in „Konrad von Grüningen” umbenannte und Kaiser Friedrich II. 1228 auf dessen Kreuzzug ins Heilige Land begleitete, also der erste Burggraf am neuen Standort.

Nachdem die Grafen von Grüningen und Württemberg 1246 von den Staufern abgefallen waren und erstere das Grüninger Reichslehen fortan als Eigenbesitz beanspruchten, stand die Burg bis zur 1280 erfolgten Gefangennahme Graf Hartmanns III. von Grüningen durch die Truppen König Rudolfs von Habsburg nicht mehr als Königspfalz zur Verfügung. Danach diente sie als Sitz des niederschwäbischen Reichslandvogts Albrecht II. von Hohenberg, der als Rudolfs Heerführer vermutlich auch die Reichssturmfahne führte. 1284 nutzte er Burg und Stadtkirche zur Ausrichtung der „Grüninger Fürstenhochzeit“, bei der auch sein Schwager König Rudolf von Habsburg zugegen war. Da Burg und Stadt nun wieder reichsunmittelbar waren, hielten nach Rudolf auch die Könige Adolf von Nassau (1292–1298), Albrecht I. von Habsburg (1298–1308) und Friedrich der Schöne von Habsburg (1314–1330) in der Reichsburg Hof, bis König Ludwig IV. sie 1322 nach der Schlacht bei Mühldorf mit Stadt und Reichssturmfahne an Konrad II. von Schlüsselberg verlehnte.

Der Schlüsselberger veräußerte auf Wunsch des Königs 1336 das Fahnlehen mit Burg und Stadt an den Grafen Ulrich III. von Württemberg. Um den Württemberger als Bündnispartner und Heerführer zu gewinnen, übereignete ihm „Ludwig der Bayer” dann die Burggrafschaft Grüningen mit allem, was dazu gehörte, als Erblehen: neben Burg und Reichssturmfahne die Stadt Grüningen und nicht namentlich genannte umliegende Siedlungen, das Kirchenpatronat sowie die ortsansässigen Vasallen und die Bevölkerung. Eine 1350 von Graf Eberhard II. von Württemberg ausgestellte Urkunde belegt, dass die als „castro nostro“ bezeichnete Reichsburg eine eigene Kapelle mit einem Frühmesser am „Johannis-Altar“ hatte. Zeitweise besetzten die Württemberger Grafen die Burg mit einem adligen Obervogt wie dem Ritter und „Burgherrn” Conrad Sefler. Er beurkundete1396 die Urfehde-Verschreibung (PDF) der Grüninger Bürger, wurde 1410 von Hans von Schlettstatt abgelöst und 1419 in der Bartholomäuskirche bestattet.

Von der Burg zum Residenzschloss
Graf Eberhard im Bart, dessen Vormundschaftsrat in der Burg residiert hatte, ließ während der württembergischen Landesteilung die neben Urach wichtigste Residenz überholen und schmückte den Rittersaal im Palas mit seinem Motto „Attempto!“ Dabei wurde zur Abwehr der territorialen Ansprüche seines Onkels Friedrich I. von der Pfalz auch die Befestigung verstärkt. Nach der Wiedervereinigung Württembergs (1482) wurde um 1488 erneut an der Burg gebaut. Bei den zur Burg gehörenden Ökonomiegebäuden außerhalb des stadtseitigen Burggrabens ließ Eberhard 1469 einen Fruchtkasten mit Bindhaus und tiefem Weinkeller und 1491 die fünfschiffige Obere Kelter mit zwei Speichergeschossen erstellen, die als Brennholzlager der Burg dienten. 1489 machte Kaiser Friedrich III. hier Station. Als König Maximilian I. 1495 Graf Eberhard zum Herzog erhob, erneuerte er auch die 1336 erstmals erfolgte erbliche Belehnung mit der Burg:

König Maximilian I. beurkundete, „daß Wir Unseren und des Reichs Sturmvanen empfohlen haben dem hochgeporenen Eberharten, Hertzogen zu Wirtemberg und zu Teck, […] und allen seinen Lehenserben zu rechtem Lehen verliehen und leihen ihm auch mit diesem Unserem Briefe Gruningen Statt und Burg mit Leuten und Guten […], weil das zu Unserem des Reichs Sturmvanen Lehen ist und auch darzu gehöret; mit der Bescheidenheit, daß der vorgenannt Hertzog und seine Lehenserben Uns und Unseren Nachkomen am Reiche, Kunegen und Keysern, ewiglich die Dienst thun sullen getrewlich, die man davon zu recht und billig thun soll. Sy sullent auch und haben Geheiß, daß sy den Sturmvanen besorgen und bewahren […], als auch der genannt Hertzog Eberhart und seine Voreltern von Unsern Vorfaren am Reiche solchen Empfehle und Lehen gehabt und hergebracht haben.“

Nachdem Herzog Ulrich 1519 das Land fluchtartig verlassen hatte, fiel die Burg über den Schwäbischen Bund wieder ans Reich, kam bis 1534 in österreichische Hand und wurde auch danach noch in Beschlag genommen: Zuletzt logierten in der Grüninger Burg Herzog Alba, der von hier die kaiserlichen Besatzungstruppen in Württemberg dirigierte, und 1552 Kaiser Karl V. zu Verhandlungen mit Herzog Christoph. Nach der kostspieligen Einigung mit dem Kaiser und dem Abzug der Besatzungstruppen ließ Herzog Christoph die Burg zwischen 1552 und 1556 für stattliche 7097 Gulden zum Schloss umbauen. Dabei wurden der stadtseitige Burggraben verfüllt, der inmitten des Burghofs vermutete runde Burgfried geschleift und unter anderem der teilweise erhaltene Südflügel renaissance-typisch im rechten Winkel zum Palas errichtet. Als Ersatz für den Burgfried und die nun wegfallende Durchfahrtsmöglichkeit durch die beiden Burgtore mussten die Grüninger Bürger 1555 außerhalb des Schlosses das Obere Tor mit Hochwacht, Pulverkammer, Zugbrücke und Vortor erstellen. Die Wege zum äußeren Burgtor wurden um den neu angelegten Schlossgarten vor dem Graben zum Oberen Tor verschwenkt. Etliche fein bearbeitete Steine der Burg und ein solitäres Zierfenster scheinen beim Bau dieses neuen Tors und der Unteren Kelter wiederverwendet worden zu sein.

Teilabriss und Umnutzung des Schlosses
Das württembergische Residenzschloss in Grüningen wurde 1704 durch den Bau des Ludwigsburger Schlosses obsolet und bis 1806 nur noch als Vogtei bzw. ab 1758 als Oberamtei benutzt. 1724 mussten baufällige Teile abgetragen und die Steine zur Wiederverwendung nach Ludwigsburg gekarrt werden. Nach Auflösung des Oberamts Gröningen wurde das Schloss als Arbeitshaus zum Strafvollzug genutzt und ab 1870 in ein „Schullehrerin-Seminar” mit angeschlossenem Waisenhaus umgewandelt, das im Mai 1873 den Lehrbetrieb aufnahm. 1908 wurde der Krankenbau abgerissen. Etwas nach Norden versetzt und im Verbund mit dem Mittelbau wurde dafür der heutige Nordflügel erstellt. Er steht teils auf dem ehemaligen Zwinger, teils auf dem äußeren Burggraben.
1917 wurde das Waisenhaus aufgelöst. 1932 wurde östlich vom Nordflügel die damals modernste Turnhalle im Kreis erstellt. Das Lehrerinnenseminar wurde 1935 in die Hochschule Esslingen transferiert. Von April 1935 bis zur kriegsbedingten Auflösung im März 1945 wurde im Gebäudekomplex des ehemaligen Schlosses die „Aufbauschule Markgröningen“ mit Internat für begabte Volksschülerinnen betrieben. Diese konnten nach der 7. Klasse nach Markgröningen wechseln und hier die Reifeprüfung ablegen. Nachdem das Schloss zur Unterbringung von befreiten Kriegsgefangenen und alliierten Streitkräften gedient hatte, wurde die Schule von Juli 1946 bis 1950 wieder als Internat für angehende Lehrerinnen genutzt. Danach wurde erneut ein landeseigenes „Aufbaugymnasium mit Heim“ eingerichtet, das 1954 in „Helene-Lange-Schule“ umbenannt wurde. In den 1970er Jahren kamen auch mehr und mehr männliche Schüler hinzu. 1987 wurde das Internat aufgelöst. 1988 hat das Land die Trägerschaft und das Schulgelände an den von Stadt und Kreis gegründeten Schulverband übertragen.

Großes archäologisches Potenzial – leicht zugänglich
Im Zuge der Interpretation von Karten, Plänen und anderen Quellen konnte dargelegt werden, dass es durchaus nicht unmöglich ist, die vermeintlich restlos abgegangene Reichsburg zu einem beträchtlichen Teil zu rekonstruieren. An mehreren Stellen (siehe Skizze) könnte man stichprobenartig ohne allzu großen Aufwand im Untergrund verifizieren, was wie der Standort des Burgfrieds und die Struktur der Südflanke vorerst noch Spekulation bleiben muss. Besonders einfach wäre das in Bereichen ohne Versiegelung wie im „Vogtsgärtlen“.

Wünschenswert und diesem prominenten Bereich angemessen wären jedoch umfangreiche archäologische Untersuchungen. Damit könnte man das Alter der Burg datieren und wertvolle Erkenntnisse zur Stadtentwicklung Grüningens im Hochmittelalter erschließen. Außerdem ließe sich durch den zu erwartenden „Beifang” bestimmt so manches verschüttete Geheimnis lüften. Für die Markgröninger Geschichtsforschung verspricht das archäologische Potenzial des Schlossareals einen großen Sprung nach vorne!
Peter Fendrich

Literatur
Peter Fendrich, Günter Frank u. Erich Viehöfer: Bekanntes und Neues zum Markgröninger Schloss. In: Durch die Stadtbrille, Band 8, 2004, S. 173–208 (PDF)

 

Schloss Markgröningen
Westflügel des Schlosses

Der „Mittelbau“ des Schlossareals (linker Gebäudetrakt) war einst Palas der Reichsburg (von Westen)
Bildautor unbekannt (vor 1900)

Roemer HLS um 1932

Lehrerinnen-Seminar mit dem ab 1908 auf Zwinger und Stadtgraben erstellten Nordflügel, kurz bevor 1932 auf dem Rasen im Vordergrund die Turnhalle gebaut wurde
Bild: Hermann Römer

Burg-Relikte auf Lageplan (groß)

Die Bestandsaufnahme, die „Bau-Inspector Weiß“ 1869 aus Anlass des geplanten Umbaus in ein Lehrerinnen-Seminar mit Waisenhaus anfertigte, liefert einige Hinweise auf Bausubstanz, die noch von der Burg stammen muss. So sind die Mauern des Mittelbaus ebenso massiv ausgeführt wie die noch vorhandenen Reste der Stadtmauer. Die Pläne zeigen zudem, dass das dreigeschossige Gebäude auf ganzer Grundfläche zwei hohe und rund 24 × 8 Meter große Säle enthielt. So kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um den ehemaligen Palas der Reichsburg handelt, zumal darunter auch ein großer Gewölbekeller erhalten ist. Davor bestand 1870 im Burghof noch ein Ziehbrunnen. Von der Burg führte eine begehbare und teilweise noch erhaltene Wasserleitung über die Keller von Fruchtkasten und Unterer Kelter zum Badehaus am Südwestrand der Stadt. Vermutlich war dieser unterirdische Gang zugleich als Fluchtweg konzipiert.
Bild: Peter Fendrich (Vorlagen: Weiß, Staatsarchiv LB
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Schlossareal heute mit Oberem Tor (von Westen)
Bild: Peter Fendrich (12/2014)

Schlosshof

Mittelbau des Schlosses von Osten
Bild: Peter Fendrich (12/2013)

Schloss Mittelbau

Mittelbau des Schlosses von Nordwesten
Bild: Peter Fendrich (10/2016)

Grabungsprofile Reichsburg

Große Teile der ehemaligen Burg wären für Stichproben frei zugänglich: Vorgeschlagene Profilgrabungen zur Verifizierung der Burgmauern und des Burgfrieds
Bild: Peter Fendrich (Vorlagen: Weiß, Staatsarchiv LB)

Burg und Schloss Markgröningen