Burg und Schloss
Oberes Tor
Wimpelinhof
Kästen und Keltern
Rathaus
Herrenküferei
Kameralamtei
Bartholomäuskirche
Pfarrhaus
Heilig-Geist-Spital
Heilig-Geist-Kirche

 

Wappen am Pfarrhaus

Altes Württemberger Wappen an der Südwestecke 

Wappen am Pfarrhaus-Portal

Geviertes Herzogswappen am Portal des Westflügels

Pfarrhaus Peter und Paul

Peter und Paul in der Mauer neben dem Gartenportal

Bauzeitliche Treppe

Treppe zum Dachstock

Gotisches Türgewänd

Profilierung Türgewände

Gotisches Türgewände im Obergeschoss zwischen den beiden Gebäudetrakten. Unten: Profilierung des Gewändes

Pfarrhaus Durchgang EG

Durchgang im EG vom Westflügel in den Nordflügel

Gewölbe über Kellertreppe

Gewölbe über der Kellertreppe

Kellertreppe Pfarrhaus

Herrschaftliche Kellertreppe mit monolithischen Stufen
Bilder: Peter Fendrich (Anklicken zum Vergrößern)

Pfarrhaus Markgröningen

AGD-Thema des Jahres 2017:
Evangelisches Pfarrhaus I am Kirchplatz

Anlässlich des Reformationsjahres und weil dessen Sanierung ansteht, hat die Internet-Redaktion das Anwesen des evangelischen Pfarrhauses I zum Thema des Jahres 2017 auserkoren. Das Gebäude Kirchplatz 9 wurde im 16. Jahrhundert auf geschichtsträchtigem Grund in seiner jetzigen Form errichtet: Hier bestand einst ein Herrenhof, die Keimzelle der später zur Stadt mit Burg ausgebauten Siedlung. Mit dem eingefriedeten Pfarrgarten ist das große Anwesen 55 Meter lang und 44 Meter breit. Beim Bau des evangelischen Gemeindehauses wurde der nordöstliche Teil des Pfarrgartens 2002 überbaut. Danach wurde die südliche Umfassungsmauer großteils abgerissen, um den Anliegern den Bau von Balkonen zu ermöglichen. Für den AGD waren das „geschichtsvergessene Eingriffe” in eine vermutlich weit über tausend Jahre erhaltene Struktur. Im Zuge von Sanierung und Umbau befürchtet der AGD weitere Eingriffe.

Vom Herrenhof zum Pfarrhaus

Bereits in alemannischer Zeit gab es um die wasserreiche Senke des Wetteplatzes eine Siedlung, die sozusagen die Urzelle Markgröningens war. In privilegierter Lage unterhalb eines Vorgängerbaus der Bartholomäuskirche darf man sich den dazu gehörigen Herrenhof vorstellen. Römische Kleinfunde, die beim Neubau des benachbarten Gemeindehauses zutage traten, lassen vielleicht sogar auf eine römische Villa Rustica auf diesem Gelände schließen.

Ludwig Heyd zitiert in seiner Stadtchronik Martin Crusius: „Im Schloß, wo die alten Grafen residiert haben, wohnt anitzo der Stadtpfarrer.“  Zu seiner Zeit wohnte der Pfarrer im Pfarrhaus an der Südseite der Kirche. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in dieser für Herrenhöfe typischen Lage an der aufgeschütteten Plattform für die Kirche der Herrenhof der Grafen von Grüningen stand. Wie heute noch hatte das ummauerte Anwesen zwei Zugänge: vom früheren Marktplatz an der Wette und von der einstigen Feldseite her, wo beim Stadtausbau die Vollandgasse angelegt wurde.

Tatsächlich findet sich auf der Rückseite des Pfarrhauses im steinernen Unterbau ein Wappen, das drei Hirschstangen zeigt. Es entspricht dem Wappen auf der Grabplatte von Graf Hartmann III. (+1280) in der Bartholomäuskirche, das als die älteste steinerne Darstellung des Württemberger Wappens gilt. 1295 mussten die Erben von Hartmann III. ihr Dominium samt Herrenhof und Patronatsrecht an der Bartholomäuskirche an König Adolf von Nassau veräußern. 1336 kam das Anwesen zusammen mit Fahne, Burg, Stadt und Patronatsrecht wieder in württembergische Hände. Der ehemalige Herrenhof wird nun als Meierei für die Pfarrstelle gedient haben. Diese musste aus der zum Pfarrgut gehörenden Landwirtschaft und aus Abgaben finanziert werden.

Ein zweites Württemberger Wappen findet sich über dem Eingangsportal des giebelständigen Westflügels. Es ist geviert und zeigt außer den drei Hirschstangen die Rauten von Teck, die mit Grüningen verbundene Reichssturmfahne und die Mömpelgarder Barben. Nachdem er das Land 1534 zurückerobert hatte, führte Herzog Ulrich in Württemberg die Reformation ein. Sein zu Initialen verkürzter Wahlspruch V. D. M. I. E. (Verbum Dei Manet in Eternum = das Wort Gottes währt in Ewigkeit) steht zusammen mit der Jahreszahl 1544 im Spruchband über dem Wappen. Wahrscheinlich darf man dieses Pfarrhaus daher als das älteste evangelische in Württemberg betrachten.

Besser als vom Kirchplatz her kann man seine ehemalige Bedeutung als Herrenhaus von der Gartenseite her erkennen. Vor allem die mächtigen Mauern überzeugen.
Die Fachwerkaufbauten sind jüngeren Datums als die Steinunterbauten. Die Balken für den Längsbau genannten Nordlügel wurden 1465/66 geschlagen, die für den Querbau genannten Westflügel 1543/44. In die Gartenmauer ist eine schöne Darstellung von Petrus und Paulus eingelassen. Möglicherweise war dies ein Schlussstein des alten Chors der Bartholomäuskirche, der bis 1472 ersetzt wurde, oder Teil eines im Zuge der Reformation entfernten Lettners.

In einem Vorläuferbau dieses Pfarrhauses residierte vermutlich auch Stadtpfarrer Dr. Reinhard Gaißer zwischen 1513 und 1521 und 1530 bis 1534 als Dekan des Landkapitels Grüningen. Dieser Reformtheologe ließ sich von der Universität Tübingen in die Stadtpfarrei von Grüningen versetzen, um zur Kirchenreform beizutragen. So unterstützte er die aufbegehrenden Bürger gegen die frühkapitalistisch agierende Ehrbarkeit und wurde als intellektueller Kopf der Rebellion des „Armen Konrads“ zum Gegenspieler von Ambrosius, Philipp und Aberlin Volland, dreier Repräsentanten eines sehr reichen und einflussreichen Grüninger Patrizier-Geschlechts.

Auch der Theologe und Historiker Ludwig Friedrich Heyd war hier in diesem Pfarrhaus ab 1824 bis 1852 als evangelischer Pfarrer tätig. Er publizierte mehrere Werke zur württembergischen Landesgeschichte und damit verbunden auch zu den Grafen von Grüningen und zur Geschichte der vormaligen Oberamtsstadt Markgröningen.
Roswitha Feil

Sanierung und Umbau
Seit 19 Jahren residiert und wohnt Pfarrer Traugott Plieninger mit seiner Familie im Pfarrhaus I. Im September 2017 zogen Plieningers aus. Danach will das Land, in dessen Besitz das Anwesen einst aus württembergischen Händen übergegangen ist, sich an die Renovierung  machen. Geplant ist die Zusammenlegung beider Pfarrstellen und die Einrichtung zweier Pfarrer-Wohnungen in Pfarrhaus I. Damit soll das Diakonat genannte Pfarrhaus II frei werden. Oberkirchenrat und Kirchengemeinde halten diese allzu komprimierte Lösung nicht für praktikabel, der AGD befürchtet, dass damit massive Eingriffe in die historische Substanz einhergehen könnten. Die Kosten für die Sanierung und die Umbauten zur geplanten Zweiteilung werden auf 2,5 Millionen Euro geschätzt.

Dokumentation
Der AGD plant vor der Sanierung eine umfangreiche Fotodokumentation des gesamten Anwesens und eine geophysikalische Untersuchung des Pfarrgartens, in dem Fundamente früherer Gebäude vermutet werden.

Pfarrhof und Pfarrgarten in einem Stadtplanausschnitt aus den 1880er Jahren (Anklicken zum Vergrößern)
Bearbeitung: Peter Fendrich

Pastores ab 1533

Liste der Pfarrer ab Reinhard Gaißer (1533-2017). Manuskript im Pfarrhaus I (anklicken zum Vergrößern)
Bild: Peter Fendrich

Literatur
Lothar Buck: Die beiden Pfarrhäuser neben der Bartholomäuskirche. In: Durch die Stadtbrille, Band 7, S. 29-40, Markgröningen 2002 (PDF)

Siehe auch: Kirchliche Verwaltung

Pfarrhaus01_PF2014_W140824

Nordfassade des L-förmigen Pfarrhauses am Kirchplatz – vom Hochwachtturm gesehen
Bild: Peter Fendrich

Pfarrhaus04_SO-Ecke_PF2015_W_1685B

Blick vom Pfarrgarten auf den Westflügel mit massiven Mauern und Württemberger Wappen
Bild: Peter Fendrich

Pfarrhaus I von Süden

Blick vom Pfarrhof auf den Nordflügel
Bild: Peter Fendrich

Pfarrhaus I

Ansicht vom Kirchplatz (von Nordwesten) mit der abgerissenen Deutschen Schule (links)
Bild: Hilde Fendrich

Pfarrhaus I

Einmalige Perspektive von Osten, als die Deutsche Schule abgebrochen war (2001)
Bild: Hilde Fendrich

Pfarrgarten von Westen

Pfarrgarten vom Westflügel
Bild: Peter Fendrich

Pfarrgarten

Östlicher Teil des Pfarrgartens
Bild: Peter Fendrich

Pfarrgartenmauer

Abgerissene Pfarrgartenmauer vor dem Selbanderhaus in der Wettegasse (1998)
Bild: David Zechmeister

Waschhaus im Pfarrgarten

Waschhaus im Wirtschaftshof
Bilder: Peter Fendrich