Wie alles begann: Erich Tomschik gründet den AGD
Vortreffen – Gründungsversammlung – Eintrag ins Vereinsregister

Nach dem „Aufbruch in die Moderne“, der in den 1960er Jahren wie beim Heilig-Geist-Spital mit drastischen Eingriffen in spätmittelalterliche Bausubstanz verbunden war, sollte eine „Vereinigung zum Zwecke der Geschichts­ und Heimatpflege“ ins Leben gerufen werden. Gründungsmitglied Lothar Buck blickte 2009 zurück:

Zwei Vortreffen
um 25. Januar 1969 lud der damalige Bürgermeister Emil Steng einen kleinen Kreis von Bürgerinnen und Bürgern, die sich bis dahin schon mit der Geschichte der Stadt befasst hatten, auf Anregung von Stadtrat Erich Tomschik zu einer ersten Zusammenkunft ins Nebenzimmer der Gaststätte Ratstüble ein. Dr. Maria Lenk, Reinhold Glaser, Gerhard Liebler, Josef Marchart, Max Mertz, Heinz Oechsner, Eugen Schumacher, Emil Steng, Erich Tomschik und Hans Weigel fanden sich ein. Erich Tomschik stellte seine Gedanken vor und wies auf das Jahr 1979 hin, in dem sich die erste urkundliche Nennung der Stadt zum 1200. Male jähren würde. Ein „Zehnjahresprogramm “sollte bis dahin in Angriff genommen werden. Das Amtsblatt berichtete von dem im Entstehen begriffenen „Arbeitskreis für Geschichtsforschung, Heimat- und Denkmalpflege“ und zählte ein Heimatmuseum sowie Markgröninger Heimatbücher als wichtige Vorhaben auf. Hierfür wurden Gegenstände, Fotografien, Berichte, sonstige Bilder, Familiengeschichten, Stammbäume, Aufzeichnungen von persönlichen Erlebnissen, künstlerische Darstellungen usw. gesucht. Bis zum 30. Juni 1969 sollte der Sammlungsaufruf gelten. Auch über Stadtführungen unter der bewährten Leitung von Josef Marchart, Markungsbegehungen unter Führung des Schwäbischen Albvereins und einen geplanten Vortragsabend über Geschichte und Bedeutung des Spitals informierte die ausführliche Anzeige.
Im Monat danach fand eine zweite Vorversammlung mit einem erweiterten Teilnehmerkreis im Gasthaus „Ochsen“ statt.

Gründungsversammlung im Rückblick auf Hans Grüninger
Zum 27. November 1969 wurde zur Gründungsversammlung im Bürgersaal der Unteren Kelter eingeladen. In einem ausführlichen Referat, das im Wortlaut erhalten ist, entwickelte Erich Tomschik nochmals seine Vorstellungen über die Möglichkeiten und Ziele des zu gründenden Vereins. Der Heimatgedanke war ihm wichtig. Er illustrierte ihn anhand eines Buchs aus dem 16. Jahrhundert, in dem unsere Stadt erstmals gewürdigt wurde.
Es war die Zeit, in der erste gedruckte Atlanten der damals bekannten Welt erschienen. Zu einem solchen Werk von Martin Waldseemüller schrieb der Arzt und Geograph Lorenz Fries ein Erläuterungsheft: „Uslegung der
Mercarthen“ (Auslegung der Meer-Karten). Dabei wurde die Welt in Siebenmeilenstiefeln durchmessen: Auf ein Kapitel über Gallia (Frankreich) folgte eines über „Gretia“ (Griechenland) und danach über „Gujarat“, einer Provinz in Indien mit der Hauptstadt Bombay.
Die „Uslegung der Mercarthen“ wurde mehrfach nachgedruckt. In der zweiten Auflage kamen Markgröningen und der Heimatgedanke ins Spiel. Der Verleger und Drucker Johannes Reinhard, der sich nach seiner  Heimatstadt „Hans Grüninger“ nannte, hat Markgröningen das früheste literarische Denkmal gesetzt und die Stadt europaweit bekanntgemacht: Zwischen die von Fries verfassten Kapitel über Gallien und Griechenland setzte er kühn ein wesentlich längeres über „Margt Grieningen“. Es war unzweifelhaft die Stadt an der „Glemß“ mit dem „Rathaus von Holtz gemacht, des gleichen wohl nicht gefunden wird“, und dem „Margt am Tag nach Bartholomeus“, zu dem ebenso viele Besucher gekommen seien wie auf die Frankfurter Messe. Auch in allen weiteren Auflagen blieb „Grieningen“ zwischen „Gallia“ und „Gretia“ erhalten. Für Erich Tomschik ein Beispiel bemerkenswerter Heimatverbundenheit, die er jedoch von Sentimentalität frei wissen wollte:

Wer in einer so stürmisch der Zukunft zustrebenden Zeit wie heute seinen Blick zurückwendet wie wir, wer Erforschen und Bewahren das Wort redet, gerät leicht in den Ruf konservativ zu sein. Nun hat das Wort „konservativ“ einen Bedeutungswandel zum Negativen erfahren. Man gebraucht es heute fast ausschließlich im Sinne von „rückständig“, obwohl es vom lateinischen conservare kommend, ursprünglich nichts anderes als „bewahrend, erhaltend“ hieß, also einen Sinn zum Ausdruck brachte, den es in dem Wort Konserve auch heute noch hat. Und ist das Bereiten einer Konserve denn nicht eine Vorsorge für kommende Tage? Ich glaube ja. Und darum meine ich, daß Konservieren auch sehr positiv und in die Zukunft hinein wirksam sein kann.
In diesem Sinne konservativ handeln heißt nicht nur mit Blick zurück bewahren, sondern vorausschauend vor etwas bewahren, wenn es sein muß. Das möchten wir, was natürlich nicht bedeutet, daß wir Markgröningen in eine Konservenbuchse stecken oder zu einem Freiluftmuseum machen wollen. Dazu sind wir zu sehr Praktiker und Realisten.
Daß der Ort, den man Heimat nennt, zumeist jener ist, an dem man seine Jugend verbracht hat, ist wohl damit zu begründen, daß die ersten Erkenntnisse des Kindes in seiner Umwelt besonders nachhaltig sind. Auf Entdeckungsreisen in seiner kleinen Welt – die ihm jedoch die ganze Welt bedeutet – sammelt er Eindrücke, die ein ganzes Leben lang haften. Es mögen dies aus der Sicht der Erwachsenen lauter Kleinigkeiten sein, ein Baum ein Strauch, ein Weg, ein Winkel irgendwo im Hof, auf einer Straße, eine Wiese – ihre Summe ergibt ein Bild, das man bis in die kleinsten Details gegenwärtig hat. Man erinnert sich an Orte unglücklicher Erlebnisse ebenso wie an jene besonderer Freude.
Diese jugendliche Aufnahmefähigkeit schwindet wohl, doch sie verschwindet nicht ganz. Eine entsprechende Intensität des Eindrucks oder aber eine entsprechend geweckte Aufnahmebereitschaft machen sie auch dem Erwachsenen gegenwärtig. Nehmen Sie hier doch z . B. den Begriff der „Wahlheimat“, die zwischen reifen Menschen und einer ihnen gemäßen Landschaft oder Stadt geschlossen, meist über Jahrzehnte befruchtend, beiderseits gebend und nehmend besteht.
Die Heimat, welche ich als so lebenswichtig hinstelle, muß dabei gar nicht immer ein konkret hier vorhandener Ort sein, an den man gebunden ist. Gerade diese irrige Vorstellung, mit daraus folgender Unbeweglichkeit, der Begrenzung des Horizonts, hat den Begriff Heimat bei einer weltoffenen Jugend in Mißkredit gebracht.
Ich verstehe aber Heimat durchaus nicht als Fessel. Ich möchte sie vielleicht am besten „Wiege zur Welt“ nennen.

Danach folgten die Besprechung des Satzungsentwurfs und die Wahlen. Dem Protokoll entnehmen wir die Namen der ersten Stunde. Gewählt wurden zum ersten Vorsitzenden Stadtrat Erich Tomschik, zum zweiten Vorsitzenden Bürgermeister Emil Steng, zum Beisitzenden und Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit Max Mertz, zum Schatzmeister Kurt Roller und zum Schriftführer Karl Probst. In den Fachbeirat wurden gewählt: Professor Lothar Buck, Werner Feil, Gerhard Liebler, Dr. Maria Lenk, Josef Marchart, Heinz Oechsner, Elsa Ortwein, Robert Riße, Eugen Schumacher und Otto Zibold. Kassenprüfer wurden Marianne Stümpfig und Werner Remmele.

Mitgliederversammlung und Eintrag ins Vereinsregister
Noch fehlte die Eintragung ins Vereinsregister beim Amtsgericht Ludwigsburg. Die Vereinssatzung lag im Entwurf schon bei der Gründungsversammlung vor. Nun musste sie in einer ersten Mitgliederversammlung am 27. Februar 1970 (im Gasthaus „Ochsen“) genehmigt werden. Danach wurden die vorab gewählten  Repräsentanten bestätigt. Im April 1970 wurde der Verein beim Amtsgericht angemeldet und einen Monat später erfolgte der Eintrag ins amtliche Vereinsregister. Die Basis für das Vereinsleben war gegeben.
Lothar Buck

(Aus der Festschrift 40 Jahre AGD, 2009, S. 6-11, gekürzt)

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Erich Tomschik bei der Gründungsversammlung 1969 im Bürgersaal der Unteren Kelter
Bild: AGD

Einschub von Hans Grüninger in der Uslegung der Mercarthen: „Von Margt Grieningen das 52. Capitel“
Bild: Bayerische Staatsbibliothek

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Zum 25jährigen Jubiläum wurden 1994 die verbliebenen Gründungsmitglieder geehrt und fotografiert. Vorne von links: Heinz Oechsner, Josef Marchart, Hermine Wöhrle. Mittlere Reihe: Martin Leiberich, Marianne Stümpfig, Hertha Cenefels, Prof. Heinz Griesinger. Hinten von links: Heinz Weigel, Otto Bräckle, Emil Steng, Werner Remmele, Gerhard Liebler und Kurt Roller.
Bild: Richard P. Zeller